"kulturweit" - Freiwilligenprogramm des Auswärtigen Amtes

Bericht der „kulturweit“-Freiwilligen Stepahie Müller über ihren Einsatz bei der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Hanoi.

Informationen zum „kulturweit“ - Programm, dem Freiwilligen Programm des Auswärtigen Amts, finden Sie hier


Die schönsten Erinnerungen an fünf Monate Leben in Hanoi

- Ein Bericht von Stephanie Müller, »kulturweit« -Freiwillige an der DAAD Außenstelle Hanoi -

Nach nun mehr fast fünf Monaten Leben und Arbeiten in Hanoi gibt es so viele spannende, unterhaltsame und unerwartete Erlebnisse, dass ich gar nicht wirklich weiß, wo ich anfangen soll. Ich erinnere mich noch, wie ich aus dem Flugzeug stieg und auf der Fahrt in das Stadtzentrum ganz gespannt nach Reisfeldern Ausschau hielt. Mittlerweile ein selbstverständlicher Anblick. Bild vergrößern

Nach Hanoi gekommen bin ich mit dem Programm »kulturweit« – dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts um bei der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu arbeiten, wobei die Zusage zu Hanoi mich sehr überraschte. Ich wusste anfangs nicht viel über Vietnam und nahm daher meinen Aufenthalt als ein großes Abenteuer, aber auch als eine großartige Chance wahr interkulturelle Erfahrungen zu sammeln und mein Wissen zu erweitern.

Mein Aufgabenspektrum in der Außenstelle des DAAD Hanoi war sehr vielschichtig und umfassend. Neben dem Schreiben eines monatlichen Alumni- Rundbriefes habe ich an der Organisation eines Karaokewettbewerbs  mitgewirkt und diesen mitgestaltet. Dazu gehörte auch das Einüben deutscher Lieder mit vietnamesischen Studierenden, was eine der lustigsten Aufgaben war, die ich hatte und mit dem zweiten Platz ‚meines Teams’ belohnt wurde. Darüber hinaus hatte ich noch viele andere Tätigkeitsfelder, u. a. habe ich für den DAAD an der Erasmus Mundus Roadshow - organisiert von der EU-Delegation Hanoi - teilgenommen. Die offene und herzliche Atmosphäre taten ihr Übriges um mich gut einzugewöhnen und wohl zu fühlen.

Hanoi ist ein Erlebnis und es ist einen Besuch wert. Das Leben hier stellte mich zu Beginn vor einige Probleme, ermöglichte mir aber auf der anderen Seite, Einblicke in eine so andersartige, faszinierende Kultur zu erlangen. Anfangs war der Schock groß, nichts war so wie ich es aus Deutschland gewohnt war. Besonders der Verkehr stellte mich vor bisher nie gekannte Herausforderungen. Ich hatte bis dato keine Ahnung, wie schwer es sein kann, als Fußgänger eine Straße überqueren zu wollen und wie viel Zeit dies in Anspruch nehmen könnte. Einmal, in meiner ersten Woche in Hanoi, stand ich fast zehn Minuten an einer Straße und ich kam einfach nicht auf die andere Seite, dann kam ein älterer Herr zu mir und deutete auf die andere Seite, ich nickte nur stumm. Er nahm mich an die Hand und führte mich langsam durch den Verkehr. Nur wenige Sekunden später war er schon wieder auf die andere Straßenseite zurück gekehrt, so dass ich mich gar nicht bei meinem Retter bedanken konnte.

Das habe ich an Hanoi schätzen gelernt, viele Überraschungen und kein Tag ist wie der andere. Äußerst faszinierend sind die zahlreichen Geschichten und Überlieferungen vergangener Jahrhunderte, die in diesem Land bis in den heutigen Tag bewahrt und weiter gegeben werden. Eine meiner Lieblingserzählungen ist die Sage um die Schildkröte im Hoan Kiem See, die bis in das 15. Jahrhundert zurück reicht. Die Geschichte handelt von einem einfachen Mann, dem eine im Hoan Kiem See lebende Schildkröte ein magisches Schwert übergab, um damit in einem ausweglos scheinenden Krieg zu kämpfen. Er besiegte die Feinde und als er zum See zurück kehrte, holte sich die Schildkröte das Schwert zurück. Aus Dankbarkeit und als Erinnerung an dieses Ereignis wurde in der Mitte des Sees der Schildkrötenturm gebaut, der bis heute ein Wahrzeichen Hanois ist. Auch heute lebt noch eine Schildkröte im Hoan Kiem See. Manche meinen, sie ist ein Nachfahre dieser sagenhaften Schildkröte. In jedem Fall ist sie aufgrund ihres enormen Alters, das auf mehrere hundert Jahre geschätzt wird, ein Symbol für Glück, Geduld, Erfolg und ein langes Leben. Ich hatte das Glück, diese Schildkröte wirklich zu Gesicht zu bekommen und das am zweiten Tag nach meiner Ankunft. Damals hatte ich keine Ahnung, warum sich plötzlich schnell hunderte Menschen um den See versammelten und begleitet von erstaunten Rufen die Schildkröte betrachteten und fotografierten. Leider hatte ich meine Kamera nicht dabei. Bild vergrößern

Gut im Gedächtnis bleiben werden mir auch die Besuche in vietnamesischen Tempeln und Pagoden, deren Ausstattung faszinierend fremdartig war, während die Gebetspraktiken für mich schwer zu verstehen waren und immer noch sind. Kaum übersehbar lagen auf den Altären vor den Göttern große Platten mit aufgetürmten Geldbündeln. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen so viel Geld in den Tempeln opferten. Die Erklärung folgte bald. Es handelt sich um Falschgeld. Gläubige kaufen mit richtigem Geld falsches Geld, das dann in den Tempeln verbrannt wird, um zu den Göttern zu gelangen, die aber nicht wissen, dass es sich um Falschgeld handelt, so dass sie die erbetenen Wünsche erfüllen. Einer der schönsten Tempel, wie ich finde, ist der Literaturtempel, der einen Einblick in eine längst vergangene Zeit eröffnet. Im ansonsten stressigen und lauten Hanoi ist er ein Ort der Ruhe und Inspiration. Dort ist Vietnams geschichtsträchtige Kultur mit den Händen greifbar. Es war die erste Universität des Landes aus dem Jahre 1076. Es ist schwer diesen harmonisch auf einander abgestimmten Komplex zu beschreiben, wenn man ihn nicht selbst gesehen hat. Ein Besuch ist wirklich jedem anzuraten. Bild vergrößern

Ich habe wirklich viel gelernt in diesen fünf Monaten, über mich, über Vietnam und die vietnamesische Kultur:

Ich habe gelernt wie man unbeschadet auch bei ständigem Verkehr Straßen überquert; Gelernt, dass Vietnamesen sehr herzlich sein können, es braucht nur manchmal etwas Zeit; Gelernt wie man richtig mit Essstäbchen isst; Gelernt Geduld zu haben und immer mit allem zu rechnen; Gelernt dem Taxifahrer auf Vietnamesisch den Weg zu weisen; Gelernt den Smog und die hohe Luftfeuchtigkeit zu ertragen; Gelernt, dass Vietnamesen viel Sinn für Humor haben; Gelernt mit dem hohen Lärmpegel zu Recht zu kommen; Gelernt mich zu Hause zu fühlen.

Es bleiben viele schöne Erinnerungen an das Leben in Hanoi und Vietnam. Ich wünsche jedem, der einmal selbst die Zeit findet Hanoi zu besuchen, eine wunderbare Zeit hier. Die Stadt und das Land sind es wert, bereist und entdeckt zu werden.


Hanoi, im Juli 2011